Menschen und Sprache

Direkt zum Seiteninhalt

Nostalgie

Menschen und Sprache
Veröffentlicht von · 29 September 2019
  
Karl-Heinz Wesemann
Es ist an einem Samstagmorgen im April 1973.Vor fast 39 Jahren. Mit lautem Getöse fährt ein Straßenreinigunsfahrzeug vorbei. Ein tiefliegendes Flugzeug ist im Landeanflug auf Bremen.
Vor mir steht sie, die E-Klasse, womit ich fahren lernen soll. "Bevor Du einsteigst", mein Fahrlehrer duzt mich, "mach die Wolke-Inspektion" So wie er es uns beigebracht hat, schau ich nach dem Wasser, dem Ölstand, der Luft auf den Reifen, nach der Kraftstoffanzeige und der Elektrik - also der Beleuchtung. WOLKE ist in Ordnung. Von der nahen Bahn hört man einen D-Zug vorbei rauschen. Kurz darauf sitzen wir im Auto. Es wird schlagartig ruhig, die Außengeräusche sind sehr weit weg, soweit, dass man sie nicht mehr wahrnimmt. " Eine der Besonderheiten", so mein Fahrlehrer, "ist bei diesem Auto die Lenkradschaltung. Ist kein Problem, funktioniert wie eine normale H-Schaltung, nur eben am Lenkrad. Die zweite Besonderheit bei dieser E-Klasse ist die Feststellbremse. Anstatt die Handbremse zu ziehen, wie beinen  anderen Fahrzeugen", (im Laufe der Ausbildung der nächsten Wochen spricht mein Fahrlehrer von anderen Fabrikaten, nie von
Autotypen anderer Hersteller), trittst Du mit dem linken Fuß auf die Feststellbremse. lösen kannst Du sie an dem runden schwarzen Hebel, nur rausziehen" .Ich sauge den Duft der noch neuen, roten Lederbezüge in mich hinein. Vor mir auf der Kühlerhaube der Stern. Er ist weit von mir entfernt. "Wenn du übrigens genau rechts fahren willst, an der weißen Straßenlinie", so mein Fahrlehrer, der meinem Blick gefolgt war, "dann brauchst du nur durch den Stern schauen, dann fährst du mit absoluter Sicherheit direkt an der rechten Straßenseite". Mir kommt das Auto vor wie eine riesige Staatskarosse, so wie in der Tagesschau gesehen. Es kommt das Gefühl auf, Fahrer vom Bundeskanzler zu sein. "So, es geht los", reißt mich mein Fahrlehrer aus den Träumen. "Auto starten, in den Rückspiegel schauen, über die linke Schulter einen Blick werfen, Kupplung durch treten, ersten Gang einlegen, Feststellbremse lösen, Kupplung langsam kommen lassen und
Gas geben. Blinker links noch setzen". Das leichte vibrieren des Motors überträgt sich auf meinen Sitz. Ist das ein Gefühl, das erste Mal in meinem Leben am Steuer eines Autos. Und dann noch ein Mercedes. Bei der anderen Fahrschule im Ort hätte ich auf einem Fremdfabrikat, so mein Fahrlehrer, üben müssen. Der Fuß ist gerade von der Kupplung weg, da macht das Auto einen Satz nach vorne und steht rückartig einen halben Meter weiter. Abgewürgt. Die Sicherheitsgurte haben sich gestrafft. "Anfängerfehler; ich habe gesagt, die Kupplung langsam kommen lassen. Das Ganze noch einmal Mal von vorne". Auf der anderen Straßenseite kam uns das zurück kommende Straßenreinigungsfahrzeug unhörbar entgegen......Einige Wochen später übergab mir im gleichen Auto ein Prüfer den Führerschein.



Besucherzaehler
Gesamtaufrufe
Zurück zum Seiteninhalt